Sofia Andruchowytsch
Der Papierjunge
Roman
Aus dem Ukrainischen von Maria Weissenböck

Inmitten von bestickten Seidenkissen, verzierten Chromkämmen und mit Kraut gefüllten Mürbteigtäschchen leben Stefa und Adelja, Magd und Dienstherrin im Hause Anger. Seit dem Brand in ihrer Kindheit im Jahr 1868, der fast ganz Stanislau zerstörte, teilen sie den galizischen Alltag wie Schwestern, die sie nicht sind, verbunden durch eine Zuneigung, die wie ein Korsett Halt gibt und einengt. Ein Roman voller Impressionen, Gerüche und Magie, der einen so vollkommen in den Bann zieht, dass man Gefahr läuft, der trügerischen Illusion seiner Bilder zu verfallen.

Stefa, die Magd ist es, die von dem Leben in der neuen Welt mit Automobilen, Fotoapparaten und Dampflokomotiven, von den Festen im Winter, von Petro, dem russischen Steinmetz, der Adeljas Ehemann wird, von dem Papierjungen, der in Petros Werkstatt Zuflucht sucht, von allem und jedem und auch von dem Magier, Chevalier Thorn, erzählt.
Ihre Beobachtungen sind der Spiegel, durch den alles wahrgenommen, alles zurückgeworfen wird. Für Stefa ist das Leben unter der von Petro gebauten Glaskuppel, die den Salon wie ein Himmelsgewölbe überspannt, nicht einfacher geworden. Sie muss Adelja mit diesem Mann teilen, der sich gerne über ihre – für eine Magd außergewöhnliche – Bildung lustig macht. Doch dass auch vor Adeljas Heirat nicht immer alles so ruhig und behaglich war, wie Stefa sich das auch selbst glauben machen möchte, tritt zutage, als ein Junge, so zart wie Papier in Petros Werkstatt Zuflucht sucht und Josyf, ehemaliger Student von Adeljas Vater, nun als orthodoxer Priester mit seiner Frau nach Stanislau zieht. Erinnerungen an Eifersuchtsszenarien zwischen Stefa und Adelja ziehen auf; der Papierjunge, den Petro nach einem mit »Felix Austria« bedruckten Transparent kurzerhand Felix tauft, bringt noch mehr Unruhe in das Dreiecksgestirn, denn der Kinderwunsch des Paares lebt nun erst recht wieder auf und sorgt bei Stefa für Verwirrung. An Adeljas Geburtstagsfest, dem größten Fest im Jahr, serviert Stefa Trüffel in Madeira-Sauce, Krebspastete und Vanillechaudeau und begeht einen unvorstellbaren Verrat. Für den Leser zerbricht der Spiegel ihrer Wahrnehmung, die Illusion, in der Stefa gelebt hat, zerfällt und geht in Flammen auf.

Andruchowytschs Roman, der im ukrainischen Original den Titel »Felix Austria« trägt, wurde 2014 von der ukrainischen BBC zum besten Roman des Jahres gewählt. Im Nebeneinander von Armen, Reichen, Juden, Orthodoxen, Polen, Deutschen und Ukrainern der galizischen Kleinstadt zeichnet die Autorin mit ausdrucksstarker Sprache die Stimmung um die Jahrhundertwende nach: Wie sehr sich die K.u.K.-Monarchie in der Illusion von Ruhe und Behaglichkeit eingerichtet hatte und wie schnell diese Illusion im Ersten Weltkrieg ein fatales Ende fand.

Residenz
Hardcover: 310 Seiten, ca. € 22,90
E-Book: ca. €15,99

 
DAS IST DRIN 
Galizien um 1900
zwei Frauenschicksale
Illusion und Wirklichkeit
 
 
 

AUTOR/IN
Biographie