Colm Tóibín
Nora Webster
Roman
Aus dem Englischen von Giovanni und Ditte Bandini

Nora Webster ist eine starke, intelligente Frau, aber die schwere Krankheit und der Tod ihres Mannes haben sie gezeichnet. Als Witwe und Mutter von zwei Mädchen und zwei Jungen muss sie in einer irischen Kleinstadt Ende der 60er-Jahre ein neues Leben aufbauen, für sich und für die Kinder. Colm Tóibín lässt seine Leserinnen und Leser diese beeindruckende Frau drei Jahre lang aus allernächster Nähe erleben. Der immer spürbare, wenn auch feine Abstand mag für Tóibíns Respekt stehen – in diesem Roman hat der irische Schriftsteller das Leben seiner früh verwitweten Mutter verarbeitet.

Was auf Nora Webster nach dem Tod ihres Mannes zukommt, ist hart: den Unterhalt der Familie verdienen, für eine gute Ausbildung der Kinder sorgen, allein wichtige Entscheidungen treffen und diese Entscheidungen vertreten, vor sich selbst, aber auch vor der Familie und gegenüber der Gesellschaft. Für eine Frau in den späten 60er-Jahren in einer irischen Provinzstadt grenzt das, was sie in den drei Jahren erreicht, an ein Wunder.
Gleichzeitig durchlebt sie in diesen Jahren die tiefe Trauer um ihren Mann Maurice, der in Enniscorthy ein allseits angesehener Lehrer war. In Familie und Gesellschaft steht sie jetzt an seiner Stelle, aber genau das wird einer Frau in dieser Zeit nicht zugestanden. Mit ihrem Temperament, ihrer Klugheit und ihrem eigenen Kopf – und auch der Unterstützung von Schwester Thomas, einer Nonne, die Nora am Krankenbett ihres Mannes erlebt hat – beginnt sie  couragiert ein neues Leben. Sie verkauft das Sommerhaus in Cush, das ihr Mann so sehr geliebt hat, weil sie weiß, dass es sie immerzu an ihn erinnern wird und weil sie das Geld braucht. Sie setzt alles daran, herauszufinden, warum ihr Ältester seit dem Tod des Vaters stottert, beginnt wieder in der Getreidemühle zu arbeiten, in der sie früher in der Verwaltung tätig war, tritt hinter dem Rücken ihrer Arbeitgeber der Gewerkschaft bei. Sie nimmt Gesangsunterricht, kauft sich einen Plattenspieler, um ihre Liebe zur klassischen Musik wieder neu zu entdecken und droht dem Schulleiter und den Lehrern an der Schule des Jüngsten mit einer Blockade, als ihr Sohn ohne jede Begründung in eine Parallelklasse versetzt wird.

Nora Webster emanzipiert sich, obwohl sie nie an Emanzipation im Sinn einer gesellschaftlich-politische Bewegung denkt. Sie tut lediglich, was sie für richtig hält. Dabei bleibt sie verletzlich, gesteht sich ihre Fehler ein und lernt aus ihnen für dieses neue Leben, das ihr an der Seite ihres Mannes versagt geblieben wäre. Eine großartige Frau, ein tief bewegender Roman.

Hanser
Hardcover: 384 Seiten, ca. € 26,-
E-Book: ca. € 19,99
Englischsprachiges Original: von ca. € 11,95 bis ca. € 17,95


DAS IST DRIN
ein besonderes Frauenschicksal
Irland Ende der 1960er
bewegend und ermutigend