Sylvie Schenk
Schnell, dein Leben
Roman

Louise muss sich entscheiden. Zwischen einer Zukunft als Lehrerin der Altphilologie oder als Malerin, vielleicht auch Schriftstellerin. Zwischen Henri, dem Jazz-Pianisten, der ein charmanter, aber freiheitsliebender und spröder junger Mann ist und Johann, dem zurückhaltenden Deutschen, der ebenso wissensdurstig ist wie Louise und vielleicht auch ebenso naiv. Und dann schließlich auch zwischen einem Leben in Frankreich oder in Deutschland. Ein poetischer, dichter, sehr schöner Roman.

Beim Lesen kommt es einem so vor, als sähe man Louise im Zug sitzen, am Fenster, und draußen in der Dämmerung zieht ihr Leben vorbei: die Kindheit in den französischen Alpen, der Wunsch, ein Junge zu sein; ihre Spaziergänge hinauf zu den Gipfeln; das Leben in der Großfamilie mit vielen Schwestern und einem Bruder, der strickenden Mutter, die ein Adoptivkind ist, dem Vater, der von seiner vermögenden katholischen Familie in Lyon für das Leben in den Bergen ein wenig verachtet wird; Bücher in Kindheit und Jugend, das Studium der Altphilologie in Lyon.
Die Kommilitonin Francine nimmt Louise mit in das Studentenlokal »Les Deux Pianos«. Dort lernt sie eine ganze Clique, darunter Henri, den Pianisten, den Chinesen Soon und den deutschen Pharmaziestudenten Johann kennen.
Vor den Bildern aus ihrem Leben, die vorüberziehen, sieht Louise immer wieder das eigene Spiegelbild in der Scheibe. Im Text spricht sie sich selbst durchgängig mit Du an. Mit im Abteil sitzt die Leserin, der Leser und kommt Louise sehr nahe, vielleicht sogar näher, als diese sich in dem Moment des Erzählens selbst ist. Wofür hat sie sich entschieden und warum? Ist sie wirklich die Summe all dessen, was sie jetzt sehen kann? Würde sie alles wieder so und nicht anders tun?
Diese Fragen, die beim Lesen auftauchen, sie gelten natürlich auch für alle anderen Figuren. Wäre Henri ein anderer, wenn seine Eltern nicht als Mitglieder der Résistance gefoltert und ermordet worden wären? Hätte Johann Pharmazie studiert, wenn sein Vater keine Apotheke geführt hätte und nicht so ein autoritärer Mann gewesen wäre? Wären Francine und Henri noch einmal zusammengekommen, wenn Louise sich nicht in Johannes verliebt hätte? Die Franzosen und die Deutschen – was ist Klischee, was ist Wirklichkeit? Welche Spuren hat der Zweite Weltkrieg in beiden Ländern hinterlassen?

Welche Entscheidungen in unserem Leben treffen wirklich wir? Beim Lesen geschieht es, dass in diesem imaginären Zugabteil plötzlich ein zweites Fenster auftaucht, und hinter dieser zweiten Scheibe ziehen Momentaufnahmen des eigenen Lebens vorbei.

Hanser
Hardcover: 160 Seiten, ca, € 16,-
E-Book: ca, € 11,99
Hörbuch: tacheles, ca. € 19,99


DAS IST DRIN
Blick auf ein Leben
in Deutschland und Frankreich
nach dem Krieg