Yavuz Ekinci
Der Tag, an dem ein Mann vom Berg Amar kam
Roman
Aus dem Türkischen von Oliver Kontny

Ein ganzes Dorf – Kinder, Alte, Junge, Trauernde, Liebende – wartet auf seine Vernichtung. Denn eines Tages werden sie ihn sehen, den Mann, der vom Berg Amar herabläuft; und er wird ihnen allen die Kunde bringen, von der sie schon wissen, wie sie lautet: Sie kommen. Sie kommen, um das Dorf niederzubrennen, um sie, ihre Geschichte, ihre Tradition auszulöschen, auf die eine oder andere Weise.

Dieses Wissen macht die Bewohner des Dorfes nicht zu anderen Menschen. Die Kinder treten im Streit um den Fußball den hinkenden Resul, der kleine Ali macht sich über den im Sterben liegenden Großvater Eyüp lustig, ein Sohn verbringt seine Tage am Grab seiner Frau, die schon vor Jahren gestorben ist, anstatt sich nützlich zu machen.
Wie schon ihre Vorfahren, das Liebespaar Amar und Sara aus dem Märchen um den schwarzen Rappen, der die Königstochter und ihren Liebsten in das Walnusstal trug, verbringen die Dorfbewohner ihre Tage im Bewusstsein der zukünftigen Auslöschung. Ihre einzige Hoffnung ist der Berg Amar, den weder Dschingis Khan, noch Jesus oder gar der Buddha bezwang. Doch eines Tages kommt tatsächlich ein Mann vom Berg Amar herab.

Flucht, Kindsmord, Vergewaltigung, das ungebrochene Recht des Stärkeren, die tödliche Überwachung, die Ausweglosigkeit: Es ist alles schon da, bevor der Tag anbricht, an dem dieser Mann kommt und bevor die Geschichte der Bewohner des Dorfes vom Walnusstal wirklich beginnt. Doch diese erste Szene der Erzählung spielt im Tierreich. Es ist der Adler, der über allen kreist, und Angst und Schrecken verbreitet. Es ist die Schlange, die die Spatzenjungen aus dem Nest verschlingt – sie werden die Grille nicht mehr fressen, die der Spatz für sie im Schnabel trägt. Es werden auch die Tiere sein, die nach dem großen Feuer weiterhin im Walnusstal leben: das Eichhörnchen mit dem versengten Schwanz, das Küken, das seinen Kopf aus der Eierschale im halb verkohlten Nest reckt.

Doch wir Menschen, lassen wir uns nicht anrühren von der Geschichte, von der Angst, von der Liebe der Menschen? Unterscheidet uns wirklich nichts von den Tieren? Dem kurdischen Schriftsteller Yavuz Ekinci ist ein großer, poetischer Roman gelungen, in dessen Mittelpunkt unverrückbar der Wert des Lebens in Freiheit steht.

Kunstmann
Hardcover: 192 Seiten, ca. € 18,-
E-Book: ca. € 14,99


DAS IST DRIN
Leben für die Freiheit
eine Dorfgemeinschaft
in Angst
archaisch, betörend
und poetisch