Natascha Wodin
Sie kam aus Mariupol

Es ist mehr eine Laune, aus der heraus Natascha Wodin eines Tages, viele Jahrzehnte nach dem Tod der Mutter, deren Namen und Geburtsort in das russische Internet eingibt. Dieser Tag wird zum Beginn einer Spurensuche, zum Anfang einer langen Reise, die die Autorin mehr als 150 Jahre in die Vergangenheit der Familie führen wird. Eine Reise, in der neben dem »Glück über das Gefundene« immer auch der »Schmerz über das Versäumte« gegenwärtig ist.

Zehn Jahre alt war Natascha Wodin, als sich ihre Mutter in der Regnitz das Leben nahm. Neben ein paar Schwarz-Weiß-Fotos und einer kostbaren Ikone sind der Tochter nur Irrlichter der Erinnerung geblieben: der Name der Mutter, Jewgenia Jakowlewna Iwaschtschenko; deren Geburtsort Mariupol in der Ukraine; ein Advokat und ein berühmter Sänger als Familienmitglieder; der Name De Martino; eine Kohlenhandlung; Medweshja Gora, der Bärenberg, ein Verbannungsort im Stalinregime.
Diese Puzzleteile, von denen sie noch nicht einmal weiß, ob sie sich auf deren Echtheit –auf das eigene Erinnerungsvermögen und auf die Quelle der Information, die Erzählungen ihrer Mutter – verlassen kann, diese Puzzleteile sind der Samen, aus dem im ersten Teil der Spurensuche ein ganzer Stammbaum wachsen wird, dessen Äste bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts reichen.
Am Ende dieser wiederhergestellten Verbindung zu einer Familie, von der Wodin nur allmählich akzeptieren kann, dass es ihre eigene ist, wird ihr ein unermessliches Geschenk gemacht: Die Schwester ihrer Mutter hat in zwei Heften zehn Jahre vor ihrem Tod ihre Lebenserinnerungen aufgeschrieben: Der Stammbaum bekommt Blätter, ihm wird Leben eingehaucht, der Wind streicht durch seine Blüten, Schnee legt sich auf die Äste.
Für den dritten Teil der Reise in die Vergangenheit ist Natascha Wodin auf Zeitzeugnisse angewiesen. Nur so kann sie sich dem nähern, wie sich ihre Eltern kennengelernt haben könnten, warum beide 1944 als Zwangsarbeiter nach Deutschland, genauer: in die Flick-Werke nach Leipzig kamen. Wie sie dort lebten.
Der vierte und letzte Teil schließlich nährt sich aus den Erinnerungen des Mädchens Natascha, das 1945 in Fürth geboren und die ersten fünf Jahre seines Lebens versteckt in einer alten Fabrikhalle aufgewachsen ist.

Für das Buch wurde die Autorin – 2015 mit dem Alfred Döblin Preis geehrt – mit dem diesjährigen Leipziger Buchpreis in der Kategorie Belletristik ausgezeichnet. Tatsächlich hat ihre Spurensuche den Sog eines Romans, oft sogar den eines Krimis. Zudem ist die Neugier auf das und die Angst vor dem, was Wodin über ihre Familie und damit über sich selbst herausfinden wird, immer unterschwellig spürbar. Diese Gefühlsregungen machen die Spurensuche, die ohne Zweifel auch ein wichtiges Zeitzeugnis ist, zu einem sehr persönlichen, berührenden Buch.

Rowohlt
Hardcover: 368 Seiten, ca. € 19,95
E-Book: ca. € 16,99


DAS IST DRIN
auf der Suche
nach der Mutter
eine Familiengeschichte