Zadie Smith
Swing Time
Roman
Aus dem Englischen von Tanja Handels

Zwei Mädchen, beide die Haut wie Milchkaffee. Sie lernen sich 1982 beim Ballett von Miss Isabel in St. Christopher's kennen: die eine Siebenjährige – von ihrer weißen, übergewichtigen Mutter herausgeputzt – sieht aus wie eine dunklere Shirley Temple, die Korkenzieherlocken zu langen Zöpfen geflochten, zusammengehalten mit gelben Satinbändern, ein raschelnder Rock voller Rüschen: Tracey; die andere an der Hand ihrer mit dunklem Nofretetegesicht und raspelkurzem Afro gut aussehenden Mutter ist schlicht gekleidet: die namenlose Erzählerin. Es ist nicht nur die Passion für den Tanz und für alte Musicals, die die beiden zusammenschweißen wird, es ist auch ihre Hautfarbe, ihr Start, ihr gesellschaftlicher Status in diesem Londoner Vorort.

Tracey wird eine steile Tanzkarriere hinlegen. Und trotzdem gesellschaftlich immer wieder abstürzen. Sie wird umworben werden, Drogen nehmen, Kinder bekommen, ihr Viertel nie verlassen. Die Erzählerin dagegen, deren Mutter immer bemüht ist, die Mittelklasse zu erreichen, die politisch aktiv wird und schließlich die Politik zu ihrem Beruf macht, die Erzählerin steigt auf der gesellschaftlichen Leiter extrem nach oben und ist mit 22 Assistentin der weltberühmten Sängerin Aimee. Ihr Leben, in dem Kinder nicht vorgesehen sind, wird sich in und zwischen den Metropolen der Welt abspielen und dann wird sie viel Zeit in Westafrika verbringen, und ein Leben kennenlernen, das ihr bis dahin nur aus Geschichtsbüchern, Zeitungen, Fernsehberichten bekannt war. Neben den Themen von Rassismus und Feminismus spielen jetzt auch historische, kolonialistische, weltpolitische Erkenntnisse in den Tagesablauf der Assistentin, die nach wie vor um ihre Integrität, ihren persönlichen wie gesellschaftliche Status ringt. Ein Schritt in die falsche Richtung, so wird es sich erweisen, ein Schritt gegen die Herrin Aimee und ihre Sklavin, die Erzählerin, wird abstürzen.

Der Blick hinter die Kulissen des Show-Business beginnt für die Mädchen, als sie die Musical-Szenen von Fred Astaire in »Swing Time«, die Auftritte von Michael Jackson wieder und wieder anschauen, um sich die Techniken anzueignen, die Tricks zu durchschauen. Er endet mit der Erkenntnis der Erzählerin, dass sie mit ihrem Schattendasein bei Aimee die Reihe unzähliger Rollen im Schatten anderer fortgesetzt hat. 

Literatur ist immer auch Spiegel der Gesellschaft, aber Zadie Smith schafft es als eine der wenigen, gesellschaftskritische Themen mit ungewöhnlicher Leichtigkeit auf die Bühne zu bringen.

Kiepenheuer & Witsch 
Hardcover: 640 Seiten, gebunden, ca. € 24,- 

E-Book: ca. € 19,99


DAS IST DRIN
Die Welt
im Spiegel
zweier Lebensläufe
kunstvoll komponiert