Négar Djavadi
Desorientale
Roman
Aus dem Französischen von Michaela Meßner
 

Kimiâ Sadr hat Zeit, viel Zeit: Sie sitzt allein in den sterilen Gängen eines Pariser Krankenhauses und wartet auf die Erfüllung ihres Kinderwunsches. In der scheinbar endlosen, stillen Zeit des Wartens auf eine Zukunft, die noch gar nicht begonnen hat, wandern Kimiâs Gedanken zurück in die eigene Kindheit, mehr noch: Sie erzählt – von Erinnerung zu Erinnerung getrieben – die Geschichte ihrer Familie im Iran auf dem Weg durch das 20. Jahrhundert. Nüchtern ist die Sprache, hinter der vieles aufscheint: die lebensbedrohlichen Gefahren konsequenter Opposition, ein rettender, zuweilen bissiger Humor; die Folgen der Flucht aus dem Land, das Heimat war und nicht mehr ist; das neue, so deutlich andere Leben im selbst gewählten Exil. Ein grandioser, moderner, politischer Roman, in dem die alte orientalische Erzähltradition leise mitschwingt.

Mit Kimiâs Vater Darius Sadr beginnt und endet der Roman. Um ihn, seine viele Fluchten, um sein politisches Engagement als Oppositioneller des Schahregimes und Ayatollah Khomeinis, um sein Leben und seinen Tod ranken sich Kimiâs Geschichten. Sie erzählen von Darius’ Mutter Nur, die mit den blauen Augen ihres Vaters 1896 im Harem Montazemolmolks zur Welt kommt, von Darius’ Vater, der ihn zum Studium nach Ägypten schickt; von Darius’ erster Flucht nach Europa, wo sich seine politische Überzeugung festigt, von seiner zweiter Flucht vor der Hochzeit, die die Mutter für ihn arrangiert hat; von der Liebe zu Sara, die seine politischen Überzeugungen teilt; von Darius’ sechs Brüdern, die die Erzählerin Onkel 1 bis 7 nennt; von Kimiâs erstem Interview, das die Siebenjährige 1978 nach der Verhaftung des Vaters gibt; von der Flucht der Familie aus dem Iran im Winter, auf einem Pferd durch hüfthohen Schnee; von der langsamen Gewissheit, dass mit der Ankunft im Exil, in Paris, ein ganzes Leben zu Ende geht und ein neues für die Jugendliche erst dann beginnen wird, wenn sie sich von dem alten verabschiedet hat ; von Kimiâs älteren Schwestern und ihrer Liebe zu Anna, der blonden Bassistin; von der Sehnsucht der beiden Frauen nach einem Kind, über das sich Darius gefreut hätte, hätte er die Geburt noch erlebt.

Der Kreis schließt sich, das klingt versöhnlich, aber dieser Roman ist alles andere als das. Négar Djavadi rüttelt an den Grundfesten der einseitigen Sicht auf ein Land, dessen kultureller Reichtum Europäern kaum bekannt ist. Sie macht kein Hehl aus der politischen, gesellschaftlichen, religiösen Ausbeutung Irans seit 1953, an der auch andere Kräfte neben den landesinneren ihren Anteil hatten und haben. Ihr Debüt hat in Frankreich zu Recht zahlreiche Preise abgeräumt.

C.H.Beck
Hardcover: 432 Seiten, ca. € 22,-
E-Book: ca. € 18,99
Französische Originalausgabe: ab ca. € 16,99


DAS IST DRIN
in der Heimat verfolgt
im Exil eine Außenseiterin
die Chance eines Lebens
zwischen zwei Kulturen